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Neurol Rehabil 2021; 27 (2): 119-124                                                                          

Reevaluation der Fahreignungsbeurteilung von Patienten mit Hirngefäßerkrankungen in der ambulanten neurologischen Rehabilitation

A. Vetterlein1,3, J. Geppert2, K. Kapala1,3, P. Pape2,3, M. Balke2,3                        

1 Neurologisches Therapiecentrum NTC Köln, Neuropsychologie, Köln, Deutschland
2 Neurologisches Therapiecentrum NTC Köln, Ärztlicher Dienst Neurologie, Köln, Deutschland
3 St. Marien-Hospital Köln, Klinik für Neurologische und Fachübergreifende Frührehabilitation, Köln, Deutschland

Zusammenfassung

Bei der Fahreignungsbeurteilung kommt Behandelnden in der ambulanten neurologischen Rehabilitation eine große Verantwortung zu, schließlich wirkt sich ihre Entscheidung sowohl auf die zukünftige Autonomie und Teilhabe der Patienten als auch auf die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer aus. Im Widerspruch dazu gibt es für die Fahreignungsbegutachtung von Patienten mit Hirngefäßerkrankungen bislang nur wenige eindeutige Bewertungskriterien. Die Begutachtungsleitlinien (BGL) zur Kraftfahreignung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), die dem Gutachter als Entscheidungshilfe dienen sollen, verzichten weitgehend auf klare Kriterien oder verneinen die Fahreignung bei bestimmten Führerscheingruppen ganz. Ein kürzlich erschienenes Positionspapier mehrerer Fachgesellschaften [5] ergänzt die BGL und bietet Ärzten ergänzende krankheitsspezifische Einschätzungsempfehlungen, die helfen sollen, jeden Einzelfall unter Berücksichtigung des individuellen Gefährdungspotenzials gesondert zu beurteilen. Das hier präsentierte Forschungsprojekt diente der Beantwortung der Frage, wie sich die Einschätzungsempfehlungen aus dem Positionspapier von Marx und Kollegen [5] rückblickend auf die Fahreignungsbegutachtung in unserer ambulanten neurologischen Rehabilitation ausgewirkt hätten. Die Fahreignungsempfehlungen von 162 Patienten mit Hirngefäßerkrankung, die 2019 eine Rehabilitationsmaßnahme im Neurologischen Therapiecentrum (NTC) Köln gGmbH in Anspruch genommen hatten, wurden im Rahmen einer retrospektiven Analyse hinsichtlich zweier Aspekte reevaluiert: (1) unserer eigenen therapeutischen Einschätzung unter Hinzunahme der Empfehlungen von Marx und Kollegen [5] sowie (2) einer Entscheidung allein auf Basis der Empfehlungen des Positionspapiers. Unter Hinzunahme der Empfehlungen nach Marx et al. [5] zu unserer bisherigen Fahreignungsbegutachtung zeigte sich keine Änderung in der Gesamtempfehlung, jedoch eine Änderung in der empfohlenen Karenzzeit. Die Beurteilung der Fahreignung allein auf Basis des Positionspapiers hätte hingegen signifikant häufiger zu einem positiven Ergebnis (»Fahreignung gegeben«) geführt (p < 0,001). Wäre die Begutachtung nur aus medizinischer Perspektive erfolgt, wäre 26,5 % der Patienten trotz signifikanter kognitiver Beeinträchtigungen empfohlen worden, weiterhin Auto zu fahren. Die Empfehlungen des Positionspapiers [5] erlauben durch die Kategorisierung zerebrovaskulärer Ereignisse in untergeordnete Risikoprofile sowie die daran orientierten Karenzzeiten eine differenziertere Einschätzung des individuellen Gefährdungspotentials. Sie bieten insbesondere Patienten mit unauffälliger medizinischer und neuropsychologischer Untersuchung eine fairere, einzelfallgerechte Begutachtung und können Gutachter bei der wichtigen und komplexen Aufgabe der Fahreignungsbegutachtung unterstützen. Als alleinige Entscheidungsgrundlage reichen die Empfehlungen unseren Daten nach jedoch nicht aus, da wichtige fahreignungsrelevante Aspekte vernachlässigt würden und die Fähigkeit von Patienten zum sicheren Führen von Fahrzeugen überschätzt würde. Unsere Ergebnisse unterstreichen den enormen Stellenwert der Neuropsychologie in der Fahreignungsbeurteilung.

Schlüsselwörter: Fahreignung, Begutachtungsleitlinien, Hirngefäßerkrankungen, ambulante neurologische Rehabilitation

 

Re-evaluation of the fitness to drive assessment for patients with cerebral vascular disease in outpatient neurological rehabilitation 

A. Vetterlein, J. Geppert, K. Kapala, P. Pape, M. Balke


Abstract
When it comes to the assessment of the ability to drive, great responsibility rests with the treating physicians. Not only do their decisions affect the future autonomy and participation of the patient, but also road safety in general. In contrast, to date there are only a few explicit official regulations for patients suffering from cerebrovascular diseases. The German Guidelines for the Evaluation of Driving Ability of the Federal Highway Research Institute, which are meant to serve physicians as a decision-making tool, either omit clear criteria or, in some cases, rigorously deny the ability to drive. A recent position paper published by several expert associations [5] complements these guidelines and offers expert assessors additional disease-specific recommendations, which ought to help assess each case with regard to the individual risk potential. The research project presented here served to answer the question of how, in retrospect, the recommendations by Marx and colleagues [5] would have affected driving ability decisions in our neurological outpatient rehabilitation center. We re-evaluated the driving ability recommendations for 162 patients suffering from cerebrovascular diseases treated at the Neurologisches Therapiecentrum Köln gGmbH in 2019 with regard to two different aspects: (1) the recommendations of the position paper in addition to our standard driving ability assessment as well as (2) a decision made on the sole basis of these recommendations.
The addition of the recommendations by Marx and colleagues [5] did not lead to any changes in the overall decisions. However, we found a change in the recommended waiting period. The assessment of the ability to drive on the sole basis of the recommendations by Marxand colleagues [5] would have led significantly more often to a positive decision (p < 0.001). If decisions would have been made by physicians alone, 26.5% of the patients would have received a recommendation to drive despite significant cognitive impairments. The recommendations as stated in the position paper allow a differentiated assessment of the individual risk potential through the categorization of cerebrovascular events into subordinate risk profiles and respective waiting periods. They offer a fairer assessment and do individual cases justice, especially in cases with clear medical and neuropsychological examination.
The recommendations support expert assessors in the important yet complex task of assessing driving ability. Nonetheless, according to our data they cannot be used as isolated guidelines since essential factors would be neglected and thus, driving ability would be overestimated. Our results underscore the significance of neuropsychological driving ability assessments.                                                             

Keywords: 
Driving ability, German Guidelines for the Evaluation of Driving Ability, cerebrovascular disease, outpatient neurological rehabilitation 

 

[5.] Marx P, Hamann GF, Busse O, Mokrusch T, Niemann H, Vatter H, Widder B. Fahreignung bei Hirngefäßerkrankungen. Nervenarzt 2019; 90: 388–98.

 

Neurol Rehabil 2021; 27(2): 119–124 | https://doi.org/10.14624/NR2102001
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