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BÜCHER / Gesamtverzeichnis / Musiktherapie in der Neurorehabilitation / Rezension 2 (Musiktherapie)
 

Silke Jochims (Hrsg.)

Musiktherapie in der Neurorehabilitation

 

Rezension:
von: Professor Dr. Dr. Karl Hörmann, Leiter der wissenschaftlichen Weiterbildung Musiktherapie an der Universität Münster

Dieser überaus gehaltvolle Band schließt eine Lücke in einem bedeutsamen, jedoch noch kaum wahrgenommenen Sektor im weiten Spektrum musiktherapeutischer Berufsfelder. In ihrer von großer Kompetenz zeugenden „Einführung in ein sehr komplexes Thema“ stellt die Herausgeberin die „zwei jungen Fachgebiete“ Neurorehabilitation, „ein expandierendes Teilgebiet der Neurologie“, und die „in Deutschland als späten Nachkömmling“ anzusehende Musiktherapie in der Neurologie dar. Letzteres ist denn auch der Grund, warum sie großenteils Musiktherapeutinnen bitten musste, die in Kliniken in Amerika, Australien und England tätig sind (und – worauf die veraltete psychoanalytische Terminologie „orale Abwehr“, noch dazu angeblich durch den Gebrauch von Blasinstrumenten, hindeutet – offenbar nicht immer den Kenntnisstand der Herausgeberin haben, die offensichtlich auch mit der OPD vertraut ist). Hierzulande haben nur 29% der Neurorehakrankenhäuser Musiktherapeutinnen angestellt. Immerhin kennen 97% der übrigen Kliniken Musiktherapie. 70% davon geben an, keine Finanzierungsmöglichkeit zu haben. Geldgeber aber brauchen Argumente. Dieses Buch bietet sie in reichlichem Maße, und zwar detailliert für die meisten der in Frage kommenden Spezialgebiete der Neurorehabilitation. Der Herausgeberin ist es gelungen, Experten zu gewinnen, die sowohl die Grundlagen zum Verständnis neuronaler Prozesse und ihrer Störungen in verständlicher Weise darstellen als auch einen umfassenden Einblick in aktuelle Musiktherapiekonzepte in Forschung und klinischer Praxis zur Neurorehabilitation geben.

Einen Eindruck vom Umfang der „neurologischen Syndrome und Krankheitsbilder“ gibt R. Quester. Zu den Syndromen zählen Schädigungen motorischer Hirnnerven, Störungen der pyramidalen und extrapyramidalen Motorik und der Sensibilität, eine Vielzahl von Hörstörungen, von Kognition und Verhalten mit neuropsychologischen Aspekten wie den verschiedenen Arten von Sprechstörungen, Aphasien, Apraxien bis hin zu Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und affektiven, emotionalen und Antriebsstörungen. Gut gegliedert stellt Quester die neurologischen Krankheitsbilder wie Schädelhirnverletzungen mit und ohne Bewusstseinsstörung und ihre Rehabilitationsphasen vor und führt in die Ursachen, Symptomatik und Therapie von Schlaganfall, Parkinson-Syndrom, Chorea Huntington, Multiple Sklerose, amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Demenz und Alzheimer-Erkrankung ein. Für die Musiktherapeuten sind natürlich die „zentralen Hörstörungen bei gehirngeschädigten Erwachsenen“ von vorrangigem Interesse. E. Neumann und R. Rübsamen informieren denn auch in einem möglichst kompakten, aber gleichwohl sehr aufschlussreichen Überblick über das periphere und zentrale Hörsystem und über Spezifika auditorischer Signalverarbeitung unter Einbezug der Bottom-up- und Top-down-Prozesse, deren Bedeutsamkeit auch für die übrige Musiktherapie mehr und mehr erkannt wird. Des weiteren gehen sie auf die beträchtliche Anzahl an Hör- und Sprachtests und therapeutische Ansätze ein.

Hochinteressant und für die Legitimierung von Musiktherapie nicht nur in der Neurologie sind die Forschungsbefunde des am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig tätigen Konzertgeigers, Psychologen und Soziologen S. Kölsch. In seinem Beitrag „Neurokognition der Musik“ betont er überzeugend, dass der „Reichtum“ der beim Musikmachen beteiligten kognitiven Prozesse „Musik zu einem idealen Instrument zur Erforschung des menschlichen Gehirns macht“. Sehr lesenswert sind dementsprechend seine Ausführungen zu den unterschiedlichen Dimensionen der Musikperzeption und zur Verarbeitung musikalischer Syntax und Semantik wie auch zur Rolle der Spiegelneuronen (dieses Wort selbst ist nicht genannt) im Verhältnis Musik und Emotion, wobei er auf die Problematik des Emotionsbegriffs nicht weiter eingeht. Dies besorgt H. Gündel in seinem wertvollen Beitrag „Auf dem Weg zu den neurologischen Grundlagen menschlicher Affektivität“. Auch er ist mit dem besonders für Musiktherapeuten misslichen Umstand konfrontiert, dass „es bis heute keine einheitliche Theorie der Emotionalität gibt“. Entsprechend seines Resumées, „dass Descartes’ ,Maschinen-Modell’ des menschlichen Körpers und die Leib-Seele-Dichotomie endgültig überholt sind“, greift die Herausgeberin denn auch zu dem wohl am besten ausgearbeiteten und für die Musiktherapie brauchbarsten Modell der Ebenen der Lebensregulation von A. Damasio.

Überhaupt lohnt sich die Lektüre der Beiträge der Herausgeberin. Im Kapitel „Risiken und Chancen der Musikbeschallung – Überlegungen und Anregungen aus der Praxis“ räumt sie mit mancherlei landläufigen Vorstellungen zu Funktionen von Musik auf und gibt zahlreiche Tipps zur Verwendung von Musik, die oft gut gemeint aber gedankenlos eingesetzt das Befinden von Schwer-Hirnverletzten, die sich nicht wehren können, erheblich beeinträchtigen kann. „Nur bei engmaschiger Beobachtung ist zu erspüren, ob die Musik ,ankommt’ oder als störend empfunden wird“, betont sie mehrfach, offenbar zurecht. Obgleich längst feststeht, dass systematisches Beobachtungstraining als A und O im Musiktherapiestudium zu gelten hat, wird dort noch immer unnütz viel Zeit mit der Anlehnung an gängige verbale Psychotherapien verplempert. Diese können noch keineswegs als gesichert gelten, weshalb Ende 2004 das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 18 Millionen zur Psychotherapieforschung bereitgestellt hat. Zudem hängt die Wirkung Künstlerischer Therapien generell und insbesondere der Musiktherapie in erster Linie von der künstlerischen Kompetenz des Therapeuten und von der damit zusammenhängenden, beim Musizieren geschulten Empathie- und Erspürfähigkeit ab; die Anlehnung an verbale psychotherapeutische Richtungen ist häufig sogar kontraindiziert und führt nicht selten in die Irre. Auch die Beiträge der Herausgeberin „Handlungsdialog im affektiven Raum“ und „Behandlungsziel: Lebensqualität. Der Patient und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt“ sind Highlights in diesem durchweg eindrucksvollen Band. Während sie in dem einen anhand von Fallvignetten aus eigener Praxis berichtet und wohl mit Recht einmal gar vom „Wunder“ spricht, da selbst für sie mit ihrer umfangreichen Praxis, in der sie sowohl die Zunahme schwerer Fälle beobachten als auch auf die Notwendigkeit neuer musiktherapeutischer Zugangsweisen reagieren rnusste, ihr musikalischer Zuspruch noch immer Überraschungen zeitigt, fasst sie im anderen die bestehenden Musiktherapiekonzepte gemäß ihrer graphischen Übersicht zum Patienten mit seinen Störungen und Ressourcen im Sinne der Verbesserung funktionaler Defizite in den Bereichen Motorik, Sensorik und Kognition unter nicht minderer Hervorhebung der bei Ärzten mitunter eher weniger beachteten kommunikativen, emotionalen und interaktionalen Aspekte hervorragend strukturiert nach Indikation, Zielen und Techniken zusammen. Auf diese Weise erlangt dieses sehr empfehlenswerte Kompendium zu den sechs zentralen Kapiteln Bewegungsfunktion, Sensorik, Kognition, Kommunikation, soziale Kompetenz und Emotion/Coping den Status eines sehr instruktiven Lehrwerks.

Vom Studium dieses Bands profitieren Musiktherapeuten und Ärzte in gleicher Weise. Er ist geeignet, das längst anachronistische Besitzstandsdenken von „Schulen der Musiktherapie“, wie ein erst jüngst noch erschienener Band symptomatischerweise heißt, aufzugeben gemäß des Buchdeckels, auf dem H. Kachele schreibt: „Die synoptische Darstellung macht deutlich, dass der wissenschaftliche Streit um das einzig richtige musiktherapeutische Konzept zwischen den anerkannten [Frage des Rezensenten: von wem?!] Schulen unnötig ist und im Alltag nicht weiterführt.“

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